
© Solothurner Zeitung / MLZ; 14.09.2004
Kultur Zeitung
Mut bewiesen Publikum und Musiker
Bemerkenswert Honeggers «Cris du monde»
Hanspeter RenggliDer Singkreis Wasseramt unter Markus Oberholzer wagte sich an Honeggers wohl expressivstes Werk und erntete in der katholischen Kirche von Kriegstetten stehende Ovationen.
Das Publikum zeige Mut, dass es sich diesem klangextensivem und mitunter auch grellem Werk stelle, meinte Markus Oberholzer, der Leiter des Singkreises Wasseramt, als er einleitend die herausragendsten Züge von Honeggers Werk vorstellte. Mut offenbarten indes vor allem Chor und Leiter, zumal es sich nicht allein um ein sehr anspruchsvolles, sondern eben auch um ein querständiges und wenig bekanntes Werk des bedeutenden Schweizer Komponisten handelt. Den Kompositionsauftrag hatte 1929 Erich Schild, damals Leiter des Cäcilienvereins Solothurn (heute Konzertchor), erteilt. Seit der Uraufführung 1931 in Solothurn lag die handschriftliche Partitur kaum beachtet in der ZB Solothurn.
Honegger und der Dichter René Bizet schufen ein aus der sozialen Situation der Zeit heraus empfundenes Bekenntniswerk. Es sollte «das Auflehnen des Individuums gegen die Masse, die es erdrückt, zum Ausdruck bringen» (Honegger). Ein damals wie heute aktuelles Thema, zumal hier wie dort Technisierung, Unterhaltungskultur und Vermassung das Einzelschicksal in der Natur und in seinen Emotionen zu ersticken drohte. Allenthalben Grund genug, sich in der Region dieser oratorischen «Schreie der Welt» erneut anzunehmen. Von einer «Wiederentdeckung» im engeren Sinn kann zwar nicht die Rede sein: Honeggers «Cris du monde» werden zwar selten, aber regelmässig aufgeführt.
Brillanter Laienchor
Oberholzer demonstrierte erneut mit Erfolg auf welch beachtliches Niveau ein Laienchor geführt werden kann: Es war in erster Linie eine denkwürdige Demonstration des Chors, trotz herausragender Leistung der drei Solisten (Audrey Michael, Anna Schaffner, Fabrice Raviola) und des Opus-Orchesters Bern. Für die Brillanz des Chorklangs erwies sich der Einbezug der vierzehn Sängerinnen und Sänger der Klasse 1N des Gymnasiums Oberaargau als wohltuend. Manch raffinierte Kombinatorik von Maschinengeräusch und Hilfeschrei des Chores vermengte sich zwar im Klangganzen derart, dass sich die Details in der Akustik des Kirchenraums verloren. Das ist das Risiko überakustischer Räume, die andererseits wiederum dem Chorklang entgegenkommen.